Benjamin Eichhorn - DOPPELGÄNGER
Vernissage: 04. April 2017, 19:00
Ausstellungsdauer: Bis 16. Juni 2017
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Ausstellungseröffnung 04.04.2017 - 19.00 Uhr
Ausstellungsdauer bis 16.06.2017
Eröffnungsrede: Lisa Ortner-Kreil (Bank Austria Kunstforum)

Über den Künstler: 1982 in Waldhofen an der Thaya geboren. 2005-2012 Studium der Fotografie an der Universität für angewandte Kunst in Wien bei Prof. Gabriele Rothemann. 2010 Studium an der Kunstakademie Münster, bei Prof. Daniele Buetti. 2007-2009 Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Wien bei Prof. Monica Bonvicini.

DOPPELGÄNGER nennt Benjamin Eichhorn seine erste Einzelausstellung in der baeckerstrasse4. Ein medienreflexiver Titel, der auf die doppelte – und durchaus auch ambivalente – Rolle der Fotografie anspielt: Einerseits ist sie eine Doppelgängerin der Wirklichkeit, eine Verdoppelung derselben. Andererseits ist die Fotografie imstande, wie auch in der Ausstellung ersichtlich wird, eigene Wirklichkeiten aus sich selbst heraus zu produzieren und Bilder zu erzeugen, die dem menschlichen Auge bis dato verwehrt geblieben sind.

„Ich bin verliebt in Bilder“, sagt Benjamin Eichhorn, der sich in seiner künstlerischen Arbeit mit Leichtigkeit zwischen den klassischen Disziplinen bewegt: Fotografie, Bildhauerei, auch Malerei, alles scheint in diesen großformatigen, perfekt ausgeleuchteten und bis ins kleinste Detail erfassenden Pigmentdrucken mitzuschwingen. Eichhorns Bildsprache ist von einer cleanen Strenge gekennzeichnet. Objekt und Kamera bzw. Blickwinkel verhalten sich immer parallel zueinander. Sorgfältig arrangierte, sortierte, archivierte, präparierte oder auch verhüllte „Dinge“ sind die Bildinhalte: (Kunst)Blumen, Werkzeug, Stroh, Vögel. Benjamin Eichhorn hat ein Bild im Kopf und besorgt sich dann den Inhalt bzw. kümmert sich akribisch um den Bildaufbau. Die „Dinge“, die hier inszeniert werden, werden durch mehr oder weniger subtile Eingriffe verfremdet und so um ihre Alltäglichkeit gebracht.

Eines der Mittel, die zur Verfremdung taugen, ist der Einsatz von mit zierlichen Blumenranken gemusterten Stoffen. Mit Stoffen werden entweder ganze Raumsituationen geschaffen, wie in Ohne Titel, 2016: Das Textil fungiert hier in einem All-over als Tapete und Tischtusch gleichermaßen. Benjamin Eichhorn überzieht seine Objekte – Vasen, Werkzeug oder Möbelstücke – aber auch mit diesen Stoffen, was gewissermaßen zum eindeutigen „Erkennungsmerkmal“ seiner rezenteren künstlerischen Arbeit geworden ist. Das tatsächliche, verpackte Objekt hat in seiner Dreidimensionalität dabei den gleichen Stellenwert wie die fotografische Aufnahme, in der die Räumlichkeit zurück in die 2D-Fläche gepresst wird.
Das Ornament des Stoffes offenbart Wiederholung und Rhythmik und produziert eine Monotonie, macht Oberflächen, die aus Eisen, Keramik und Holz sind, „gleich“. Neben diesem formalen Aspekt verursacht der Einsatz des Stoffes aber auch eine entscheidende Veränderung in Hinblick auf den Gebrauchswert: Die „Dinge“ werden ihrer Funktion beraubt. Beile schneiden nicht mehr, Zangen sind nicht mehr zu öffnen, Hämmer entwickeln keine Schlagkraft mehr. Der Prozess des Einnähens ist dabei ein fast meditativer Akt. Die jüngsten, sich in den Raum öffnenden Stoff-Arbeiten hingegen bringen auch eine menschliche, schwarzhumorige Komponente ins Spiel: Eine an der Wand schwebende Kommode, eine Hose auf einem Kleiderbügel, ein Hammer: ein (Krypto)Portrait ihres Besitzers?

Die Wege, die Benjamin Eichhorn hin zu seinen Bildlösungen beschreitet, sind oft langwierig:
Für HINGEHAUFT, 2008–10 etwa hat der Künstler über 2 Jahre hinweg ca. 3.500 Strohhalme einzeln fotografiert und für das finale Bild alle Aufnahmen in Leserichtung aneinandergereiht. Was auf den ersten Blick vielleicht an eine computergenerierte Grafik denken lässt, ist in Wirklichkeit ein Haufen Stroh, der entwirrt wurde und der in dieser Detailtreue bzw. aus diesem Blickwinkel einen einzigartigen Seheindruck gewährt. Die Nadel im Stroh – Benjamin Eichhorn würde sie finden.
Es ist diese Genauigkeit und Langatmigkeit, in der sich Benjamin Eichhorns Einflüsse offenbaren, die eindeutig in der deutschen Becher-Schule, die ja gerade für ihre Heterogenität bekannt ist, auszumachen sind. Das typologisch, scheinbar stark naturwissenschaftlich geprägte Interesse, das Bernd und Hilla Becher propagierten, korreliert mit technischer Perfektion und Brillanz, wie man sie von Becher-Schülern wie Andreas Gursky, Candida Höfer oder Thomas Struth kennt.

„Frühlingsgefühle“ stellen sich beim Betrachten dieser Arbeiten dennoch nicht ein. Chlorophyl, Gefieder, textile und kunstseidene Blüten führt Benjamin Eichhorn wie einen Pinsel, entledigt sie jedoch davor jedes Lebenszeichens: Die Vögel sind (qualitativ elaboriert gemachte) Tierpräparate, die Blumen aus Plastik, wenn echte Blumen auftreten, wie im Fall von Fensterbanktryptichon, 2016, sind diese dekonstruiert und in eine sakrale, an einen Altar erinnernde, Form gebracht.

Getrimmt, gewinkelt, sortiert und verhüllt, erinnern Eichhorns Sujets an eine von Effizienzgedanken und Strukturierung durchwirkte Welt, demaskieren Klein- und Spießbürgerlichkeit, und schicken Dinge des täglichen Gebrauchs in ein Koma, das sich einem Ästhetizismus unterordnet. Benjamin Eichhorns abgründige Bildwelten gerieren sich als süßliche Verharmlosungen, die nur so tun, als ob, jedoch Kritik an Behübschung und Verniedlichung üben. Bei der Betrachterin oder dem Betrachter wird ein Lächeln hervorrufen, das im selben Moment gefriert. Und auch wenn die „Dinge“, die in diesen Fotografien in Szene gesetzt werden, allesamt auf den Menschen verweisen, so bleibt dieser doch gänzlich ausgespart. Das Genre Stillleben holt Benjamin Eichhorn mit seinen doppeldeutigen Interventionen, die immer um Vanitas, die Vergänglichkeit, und Memento Mori, das Eingedenken des Todes, kreisen, so aus dem Staub des 16. Jahrhunderts direkt ins Jahr 2017.

Lisa Ortner-Kreil


www.benjamineichhorn.com

 
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